MÖDLINGER STADTVERKEHRSMUSEUM

A - 2340 Mödling,
Tamussinostraße 3

Die frühen Jahre werden wieder lebendig.

Oder: von den Anfängen und von Anfängern

Erinnerungen an die Beschaffung von drei K-Triebwagen von Dr. Peter Standenat

Völlig unerwartet ist vor kurzem ein nahezu neuwertiger BETA-Videorecorder in mein Leben getreten. Mein eigenes altehrwürdiges Gerät hat sich schon vor Jahren in die ewigen Jagdgründe begeben, ohne dass ich es rechtzeitig geschafft hätte, die wichtigsten ß-Kassetten auf VHS zu kopieren. Damit schienen auch einige einschlägige Bänder, die unsere frühen Jahre dokumentieren, verloren.

Nun sind diese Kassetten also wieder zum Leben erwacht und ich habe schon damit begonnen, Überspielungen auf DVDs durchzuführen.

Aus rechtlichen Gründen ist es leider nicht möglich, Ihnen Film-Ausschnitte auf der Homepage zu zeigen. Aber Gott sei Dank gibt es ja auch Bilder aus dieser Zeit.

Nun, nahezu ein Vierteljahrhundert später, sehen wir uns, ergraut und überhaupt mit viel weniger Frisur, dafür vielleicht etwas beleibter, die Filme von damals an.

Kurz zur Erläuterung, wie die einschlägigen Verhältnisse in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts waren:

 Von den Wiener Verkehrsbetrieben waren achtfenstrige Personentriebwagen überhaupt nicht mehr zu erhalten. Deren Zeit war in Form der Type KH schon 1979 zu Ende gegangen. Kein Idealzustand, wenn man erst 1987 mit dem Aufbau einer 360er-Fahrzeugsammlung beginnt!

 Aber etwas anderes gab es damals noch: Wiener Holzkastenwaggons, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Stand der WVB auf Spielplätzen, in Heimen, Schulen und dergleichen zur Aufstellung kamen. Zwei so für uns natürlich hochinteressante K-Triebwagen waren KH 6377 (ex K 2307, Litschau) und KH 6378 (ex K  2311, Hirtenberg).

 Seit Mai 1987 hatten wir ja schon einen K-Wrack: den Wagen Nr. 2426, dessen Werdegang ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

 
Zum Zustand kann man nur sagen: nicht gerade neuwertig!

 

 Nun das eine Wrack war uns nicht genug. Wir wußten aus Szenekreisen, daß es die beiden oben genannten Wagen in Hirtenberg und Litschau noch gab, und wir wollten sie haben.

 Wir hatten zwar den einen oder anderen ganz passablen Heimwerker unter uns, aber alle waren wir völlig frei von jeder tieferen Ahnung von Straßenbahnwagen. Mit dem Abstand von knapp einem Vierteljahrhundert können wir über uns selbst heute nur den Kopf schütteln. Mit viel Ambition, Fanatismus und Bereitschaft zu vielfältigen – auch finanziellen – Opfern haben wir uns damals auf Reisen nach Hirtenberg und Litschau gemacht.

 Was wir vorgefunden haben, waren Wracks:

 a)      Litschau:

K 2307 (KH 6377), fälschlich als 2402 numeriert, stand motor- und weitgehend dachaufbautenlos auf einem Schulareal. Blau/weiß lackiert mit kaum einer intakten Fensterscheibe, dafür mit zehntausenden von Glasscherben im Inneren. Um die Gefährdung für die hoffnungsvollen Litschauer Kinder zu komplettieren, hatte irgendein Hirni die Fußbodenklappen im Wageninneren entfernt, sodaß die Kinder drohten, beim Spielen im Wageninneren unter den Wagen zu stürzen.

Gesamtbefund: die Hälfte fehlt und die, die da ist, ist vollkommen verrottet. Wenn man auch nur ein bißchen einschlägigen Verstand hat, greift man so ein Fahrzeug nicht einmal mit der hochstromisolierten Beißzange an, geschweige man bringt finanzielle Opfer für Transport und gesicherte Unterstellung.

 

 

Das Innendach haben wir zwar selbst entfernt, es wäre aber aufgrund der auf ihm lagerneden Wassermassen (!) ohnehin bald von selbst zerfallen! Ein weiterer Text zu diesem Bild erübrigt sich wohl

 b) Hirtenberg:

K 2311 (KH 6378). Hier lag der Fall ein wenig anders. 14 Jahre Witterung und Generationen von Vandalen hatten zwar auch an diesem Fahrzeug unübersehbare Spuren hinterlassen, wenigstens war es aber nahezu komplett. Der rüstige Altbürgermeister von Hirtenberg, Josef Wiesenberg, sah es als seine Aufgabe an, das Fahrzeug auf dem Spielplatz regelrecht zu betreuen. So erneuerte er immer wieder zerbrochene Glascheiben und zur Sicherheit der Kinder demontierte Klapptüren bewahrte er sorgfältig in einem Schuppen auf, als hätte er geahnt, daß „sein“ Wagen eines Tages überleben würde.

Aber auch der Holzkasten dieses Wagens war in geradezu katastrophalem Zustand. Große Teile der hölzernen Plattform-Vorbaukränze waren damals mit dem Kaffeelöffel (!!!) zu entfernen. Näheres im Kapitel „Restaurierung“



Foto: Horst Christian

 Nun, das waren sie also, die Objekte unserer Begierde. Keiner hat uns 1987/88 und auch noch später offen danach gefragt, ob wir eigentlich vollkommen beklopft sind, als Anfänger ohne jedes know how und ohne jede Infrastruktur derartige „Leichen“ zu erwerben. In der Szene etablierte Größen haben damals nur etwas geschmunzelt und sich vermutlich gedacht: „Na diese Partie wird sich auch noch die Köpfe anrennen!“.

Das einzige, was wir schon in diesem frühen Stadium sicher wußten war, daß wir zur Reparatur die einschlägigen technischen Zeichnungen benötigen würden. AR Ing. Josef Dakura von den WVB hat uns da sehr geholfen, sodaß wir bereits etliche Zeichenstöße unser eigen nannten. Das „missing link“ aber, wie nämlich aus einer Zeichnung auch ein reparierter Wagenteil werden sollte, das fehlt uns noch. Wir machten uns damals darüber aber erstaunlicherweise gar keine Gedanken. Das jeweilige Fahrzeug erschien uns als wichtig, also wurde es beschafft, der Zustand war dabei egal.

Nun die Beschaffung funktionierte und so nannten wir 1988 drei grauenhafte K-Wracks unser eigen. 2307 und 2311 verbrachten wir in unsere Museumshalle, 2307 in einen Stadel ins Waldviertel.

 Darüber hinaus waren wir damals in einer Art Kaufrausch. Hier eine kleine Gesamt-übersicht, welche Fahrzeuge wir in diesen frühen Jahren beschafft haben (ein Teil davon wurde weitergegeben oder verschrottet)

 WVB:

K   2307, 2311, 2426
L1  2625
H2  2276
M   4077, 4081, 4113, 4142
k3  1604, 1613, 1622
m3 5325
SP 6010, 6014, 6045
SS 6051
KO 6131, 6132
GP 6407, 6414, 6418
gm 7064, 7066, 7069
st   7119, 7120
ko1 7504
ko3 7517
kl   7531, 7532, 7533
uda ?
L    510, 524, 569
l/l3  1711, 1758, 1896

Und ob das alles noch nicht genug gewesen wäre, haben wir auch noch etliche Steyr 380-LKW beschafft

 Heute stellt sich unweigerlich die Frage, ob wir damals ganz dicht waren. Eher nicht, möchte man meinen. Umgekehrt haben wir zu dieser Zeit sehr wohl kapiert, daß das eine Art „Endzeit“ war. Fahrzeuge, die jetzt nicht sofort gerettet werden, sind für immer verloren, war das Credo von uns jungen und nicht ganz so jungen Fanatikern in dieser Zeit.

 Und irgendwo haben wir – unter für uns großen finanziellen Opfern! – doch Recht behalten. Viele der genannten Fahrzeuge sind heute – großteils nicht bei uns! – in Sicherheit und teilweise auch schon restauriert. Daß es einige nicht geschafft haben, muß man akzeptieren.

 Im nächsten Beitrag wollen wir uns ansehen, wie die Restaurierungsarbeit ins Rollen gekommen ist.